Fritz Gesing: „Kreativ schreiben“ für Fortgeschrittene

Welcher Autor möchte seinen Roman nicht auf den Bestsellerlisten sehen? In der Fortsetzung von „Kreativ schreiben“ sucht Fritz Gesing nach den „Geheimnissen des Erfolgs“. Dazu beschäftigt er sich hauptsächlich mit den Bestsellern „Sakrileg“ von Dan Brown, „About a Boy“ von Nick Hornby und „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Er unternimmt aber auch kurze Abstecher zu Erfolgen wie Joanne K. Rowlings „Harry Potter und der Stein der Weisen“, Umberto Ecos „Der Name der Rose“ und Paulo Coelhos „Der Alchimist“. Gelingt es ihm, ihre Geheimnisse zu ergründen?

Lesererwartungen und Ansprüche

Gesing beschäftigt sich wie im Vorgänger auf eine theoretisch-analytische Art mit kreativem Schreiben. Er beginnt diesmal mit der Leserseite der Rezeption:

  • Welche Grundbedürfnisse verfolgen Leser bei der Lektüre?
  • Welche möglichen Zielgruppen gibt es?

Gesing teilt Literatur in verschiedene Niveaus ein und betrachtet die damit verbundenen Ansprüche: von der Trivialliteratur über Genre-Literatur („Sakrileg“, „Harry Potter“) und Mainstream („About a Boy“, „Herr Lehmann“) bis zur Kunst. Durch die Auswahl der Beispielromane wird klar, dass Gesings eigenes Interesse auf den unterhaltenden Genre- und Mainstream-Romanen liegt. Daran anknüpfend geht er auf die besonderen Ansprüche ein, die ein heutiger Leser an Literatur stellt:

  • Wie wichtig sind die Faktentreue und der Realismus eines Romans?
  • Wie haben sich die Ansprüche an einen Roman durch Film und Fernsehen verändert?

Aspekte der Gestaltung eines Bestsellers

In der zweiten Hälfte beschäftigt Gesing sich konkret mit verschiedenen Aspekten der Gestaltung, wobei er sich sehr detailliert auf die Beispieltexte bezieht. Unter anderem geht er auf die folgenden Punkte ein:

  • Wie funktioniert ein guter Einstieg, der den Leser in den Roman zieht?
  • Wie charakterisiert man Figuren treffend? Kann man die Sympathie des Lesers lenken? Wie unterscheiden sich die Figuren in handlungsbetonten und charakterbetonten Romanen?
  • Welche Erzählsituationen und Perspektiven gibt es – und wie setzt man sie wirkungsvoll ein?
  • Wie erzeugt man Spannung in einem Thriller? Und wie in einem Mainstream-Roman?

Nach der detaillierten Analyse stellt Gesing im nächsten Kapitel die Frage: Gibt es ein Rezept für einen Bestseller? Die Antwort muss „nein“ lauten – aber Gesing zeigt am Beispiel von „Sakrileg“ wie man einen Erfolg begünstigen kann. Schlussendlich kann man jedoch keine Garantie geben und vieles hängt von glücklichen Umständen ab.

Gesing und die Kunst

In den letzten Kapiteln widmet Gesing sich der Kunstfrage. In einem sehr satirischen Text verdeutlicht er seine Meinung zu künstlerisch anspruchsvoller Literatur. Und die ist nicht positiv. Würde man naiv Gesings Ausführungen glauben, dann müsste das Ergebnis jedes künstlerischen Bestrebens mit schlechter, langweiliger und unverständlicher Literatur gleichgesetzt werden. Literatur also, die sich nur verkauft, weil sie vom Feuilleton gerade aufgrund ihrer Langeweile und Unverständlichkeit als Kunst missverstanden wird. Diese offen ablehnende Haltung, wie sie auch schon im Vorgänger deutlich wurde, könnte manchem Leser übel aufstoßen oder Kopfschütteln hervorrufen. Zwar wird sehr anschaulich deutlich, was man bei unterhaltender Literatur besser unterlassen sollte – aber das hätte man auch erreichen können, ohne einen Teil der potenziellen Leserschaft zu brüskieren.

(K)eine Anleitung für einen Bestseller?

Wie angedeutet handelt es sich nicht um eine Anleitung, wie man Bestseller nach Bestseller produziert. Stattdessen liegt eine Analyse mehrerer Bestseller vor. Wie sein Vorgänger ist „‚Kreativ schreiben‘ für Fortgeschrittene“ also theoretisch und analytisch, weniger praktisch ausgerichtet. Man erfährt viel darüber, wie die drei Beispieltexte, insbesondere „Sakrileg“, aufgebaut sind und ihre Wirkung entfalten. Konkrete Anleitungen und Übungen, wie man das umsetzt, findet man nicht. Hinzu kommt, dass der Schreibstil oft schwer verdaulich ist: Man erhält den Eindruck, ein literaturwissenschaftliches Buch zu lesen. Das steht im Gegensatz zu Creative-Writing-Ratgebern in angelsächsischer Manier, die meist mit einer lockeren Schreibe aufwarten und sich daher leichter erschließen lassen.

Fazit: Trotz einiger Mängel ist „‚Kreativ schreiben‘ für Fortgeschrittene“ ein durchaus wertvoller Ratgeber. Man gewinnt einige interessante Erkenntnisse, insbesondere über Leseerwartungen, die man so in anderen Ratgebern nicht findet. Wer sich an wissenschaftlicher Sprache nicht stört, sollte einen Blick hineinwerfen.

Fritz Gesing: ‚Kreativ schreiben‘ für Fortgeschrittene. Geheimnisse des Erfolgs. DuMont. 2006. 268 Seiten.

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