„Kreativ Schreiben“ – Standardwerk unter den Schreibratgebern?

„Kreativ schreiben“ steckt die Erwartungen hoch: ein „Standardwerk“ wird versprochen, ein Grundkurs des Schreibhandwerks. Der Autor Fritz Gesing ist promovierter Germanist – das verrät auch sein wissenschaftlicher Schreibstil und sein umfassendes Wissen über (nicht nur) deutsche Literatur. Unter seinem Namen veröffentlichte er bisher eine Handvoll Sachbücher und einen Gegenwartsroman; historische Romane veröffentlicht er unter dem Pseudonym Frederik Berger. Es ist also ein Mann vom Fach, der hier über das Schreiben schreibt. Aber was schreibt er denn nun?

Von den Voraussetzungen des Schreibens zur Literaturbewertung

Fritz Gesing betrachtet in „Kreativ schreiben“ verschiedene Aspekte des kreativen Prozesses und geht auf die Techniken des Erzählens ein. Den Anfang macht ein Kapitel über Motivation und Inspiration: Warum schreibt man und aus welchen Quellen schöpft man seinen Stoff? Im weiteren Verlauf des Kapitels erfährt man, wie man die richtigen Voraussetzungen zum Schreiben schafft und Schreibblockaden aus dem Weg räumen kann. Im zweiten Kapitel diskutiert Gesing den Unterschied zwischen U- und E-Literatur – also der „unterhaltenden“ im Gegensatz zur „eigentlichen“ Literatur. Schnell wird hier klar, dass ihm mehr an Unterhaltung als an Sprachexperimenten gelegen ist. Der Knackpunkt für den Schriftsteller, der sich als avantgardistischen Sprachkünstler versteht: „Kreativ schreiben“ ist mit Sicherheit nicht an ihn gerichtet.

Die Regeln des Schreibhandwerks

Ab dem dritten Kapitel werden die Bereich des Schreibhandwerks abgeklopft. Gesing geht auf

  • Charakterbildung,
  • Geschichte und Plot,
  • Erzähler und Erzählperspektive,
  • Komposition und Handlungsmuster,
  • Handlungsräume,
  • Sprache und Stil sowie
  • Strategien beim Überarbeiten und Korrigieren

ein, stellt Regeln auf und belegt sie mit Beispielen. Den Abschluss macht eine Übersicht an Anregungen und Aufgaben, mit denen man das Erlernte ausprobieren und verfestigen kann. Eine ausführliche Literaturliste im Anhang lädt zum Weiterlesen ein.

Fazit: Weniger Praxis, mehr Theorie

„Kreativ schreiben“ ist weniger eine praktische Anleitung zum kreativen Schreiben – da ist man besser bei Sol Steins „Über das Schreiben“ oder James Freys „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt 1 + 2“ aufgehoben. Vielmehr handelt es sich um eine ausführliche Analyse der Aspekte, die erfolgreiche Literatur ausmachen. Durch die zahlreichen Literaturverweise ist ein solides Vorwissen nützlich; gleiches gilt für einige erzähltheoretische Fachbegriffe. An einigen Stellen mangelt es an Praxisbeispielen, die illustrieren, wie genau eine Regel umgesetzt werden sollte – an anderen Stellen war es dagegen fast schon zu viel des Guten. Da fehlte es ein bisschen an Balance. Die teils hochgestochene Sprache tut ihr Übriges dazu, dass „Kreativ schreiben“ als Einstiegswerk nur bedingt zu empfehlen ist. Wer sich davon aber nicht abschrecken lässt, findet jedoch in „Kreativ schreiben“ eine interessante theoretische Ergänzung zu anderen Schreibratgebern.

Fritz Gesing: Kreativ schreiben: Handwerk und Techniken des Erzählens. DuMont,  2010. 260 Seiten. 

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