„Über das Schreiben“ von Sol Stein

Auch das Schreiben ist ein Handwerk, das erlernt werden kann. Das ist der Grundgedanke der zahlreichen Anleitungen zum kreativen Schreiben, die seit geraumer Zeit auch im deutschen Raum kursieren. Ein großer Name in diesem Bereich ist Sol Stein. Er ist Lektor, Autor, Herausgeber und lehrte lange Zeit kreatives Schreiben an amerikanischen Universitäten. Er selbst hat neun Romane veröffentlicht; als Herausgeber und Lektor war er an mehreren hundert Buchpublikationen beteiligt. Was er bei seiner Arbeit über das Schreibhandwerk gelernt hat, hat er in „Über das Schreiben“ zusammengefasst. Herausgekommen ist ein locker und unterhaltsam geschriebener Ratgeber, der kaum eine Frage offen lässt.

Von den Grundlagen des Schreibens über literarische Werte bis zur Überarbeitung

Sol Stein steigt mit einigen grundlegenden Fragen in seinen Ratgeber ein: Was musst du über die Arbeit eines Schriftstellers wissen? Wie ziehst du die Leser in deine Geschichte? Wie hat sich das Erzählen im zwanzigsten Jahrhundert durch den Einfluss von Film und Fernsehen geändert? In den folgenden drei Teilen widmet er sich sowohl fiktionaler als auch nicht-fiktionaler Literatur, wobei der Schwerpunkt klar auf der Fiktion liegt:

  • Wie erschafft man überzeugende Charaktere?
  • Wie entwirft man eine fesselnde Handlung?
  • Wie schreibt man eine glaubwürdige Geschichte?

Diese und viele weitere Fragen werden behandelt. Prall gefüllt mit Beispielen bleibt alles anschaulich. Die meisten Beispiele entnimmt Stein der zeitgenössischen, amerikanischen Literatur – bevorzugt aus Werken, an denen er als Lehrer, Herausgeber oder Autor beteiligt war. Ein Hang zur Selbstbeweihräucherung fällt auf. Das ändert aber nicht, dass seine Beispiele meist Hand und Fuß haben. Im fünften Teil beschäftigt Stein sich mit literarischen Werten: Wie unterscheiden sich Trivialliteratur, Unterhaltungsliteratur und Dichtung? Mit welchen Mitteln kann man seinen Roman von der Masse abheben? Der abschließende Teil ist der letzten und meist langwierigen Phase des Schreibprozesses gewidmet: der Überarbeitung.

„Über das Schreiben“ – ein umfassendes Standardwerk

Stein geht in 34 Kapiteln auf verschiedene Aspekte des Schreibhandwerks ein – illustriert anhand zahlreicher Beispiele. Vorher-Nachher-Vergleiche vereinfachen es, die Verbesserungen nachzuvollziehen; Übungen helfen, die eigenen Fähigkeiten auszubilden. Einige Schwächen des Buches seien hier nicht verschwiegen:

  • Die selbstverliebten Tendenzen, sich hauptsächlich auf die eigenen Werke zu beziehen,
  • das Pochen auf hohe Verkaufszahlen und
  • der Profitgedanken, der allzu oft im Vordergrund steht,

können einem Leser übel aufstoßen. Gerade im Land der Dichter und Denker, wo gerne andere Maßstäbe an Literatur gesetzt werden, weckt der kommerzielle Beigeschmack Kritik. Doch wenn du dich ernsthaft mit dem Handwerk des Schreibens beschäftigen willst, solltest du dich davon nicht abschrecken lassen: „Über das Schreiben“ ist der wohl umfassendste Schreibratgeber auf dem deutschen Markt und auch zum Einstieg gut geeignet.

Sol Stein: Über das Schreiben. Autorenhaus Verlag, 2015, 464 Seiten.

bewertung-5

One comment

  1. Mira Alexander says:

    Hallo Dahlia,

    es ist schon einige Jahre her, dass ich Sol Steiner las, doch der Satz „Sie müssen Ihren Figuren unterschiedliche Drehbücher geben.“ ist mir bis jetzt in Erinnerung geblieben (aus dem Kapitel Das Actors Studio und seine Methode).

    Es geht dabei darum, dass die beiden an einem Dialog beteiligten Charaktere zwei unterschiedliche Agendas bekommen (z.B. der eine soll seine Liebe mehr oder weniger gestehen, die andere erwartet einen Stalker, der ihr Geld schuldet). Dabei steigert sich der Konflikt schnell bis zum Streit. Da die meisten literarischen Dialoge durchaus Konflikt vertragen können, finde ich das eine relativ einfache Methode, für Spannung zu sorgen.

    Man braucht dabei gar nicht tief in eine Trickkiste zu greifen. Normalerweise haben unsere Charaktere unterschiedliche Erwartungen (= Drehbücher), wenn sie sich an einer Unterhaltung beteiligen. Wir sollten uns nur dieser Unterschiede von vorn herein bewusst werden, nur dann können wir sie in die Dialoge hineinschreiben.

    Ich würde übrigens gerne mal solche Veranstaltung erleben, wie sie Sol Steiner beschreibt, wo zwei Personen unterschiedliche Drehbücher gegeben werden und sie dann aufeinander losgelassen werden. Einerseits könnte das wirklich spaßig werden (insbesondere vom Standpunkt der Psychologie und der Beziehungen zwischen den Beteiligten), andererseits nehme ich ungerne etwas ungeprüft als gegeben hin (nur weil Sol Steiner es behauptet…)

    Hat vielleicht jemand ’nen Link für mich?

    Verschneite Grüße,
    Mira

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