„Herrscher der Gezeiten“ von Nichola Reilly

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Herrscher der Gezeiten (OT: Drowned) | 352 S. | Dystopie | MIRA Taschenbuch – Darkiss | ISBN 978-3-95649-106-1

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Klappentext

Wer diesen Roman gelesen hat, wird das Meer mit anderen Augen sehen …

Die Erde ist überflutet. Die letzten Überlebenden harren auf einer kleinen Insel aus, deren Ufer mit jeder Flut schmaler werden. Dass sie in dieser Welt unerwünscht ist, spürt Coe jeden Tag. So gut sie kann, erledigt sie ihre erniedrigende Arbeit und setzt sich gegen die anderen Inselbewohner zur Wehr. Heimlich schwärmt sie für den mutigen Tiam, ihren einzigen Freund.
Dann geschieht es. Der Herrscher der Insel liegt im Sterben und hinterlässt keinen Erben. Ausgerechnet Coe wird ins Schloss eingeladen und erfährt, dass die königliche Familie ein Geheimnis hütet, das alles für immer verändern kann. Gibt es einen Ausweg aus dem Albtraum, in dem sie alle leben? Coe und Tiam müssen sich beeilen, Antworten zu finden, bevor ihre Welt für immer in den Fluten versinkt …

Wie es mir gefallen hat

Das Leben auf der Insel Tides ist trostlos und jeden Tag bei Flut sehen die verbliebenen knapp 500 Bewohner dem Tod wieder ins Gesicht, wenn sie sich eng aneinander gepfercht auf der lebensrettenden Plattform drängen. Mit jeder Generation haben die Bewohner mehr und mehr vergessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Niemand vertraut einem anderen – Freundschaft und Liebe sind vergessene Konzepte. Man kämpft nur noch um sein eigenes Überleben, während der Platz auf der lebensrettenden Platform immer kleiner wird.

„Herrscher der Gezeiten“ wird von Coe aus der ersten Person Präsens erzählt, was der Geschichte etwas unmittelbares gab. Den Schreibstil fand ich sehr angenehm zu lesen, manchmal sehr schön bildhaft.

Coe ist die Außenseiterin in dieser Welt – nicht nur hat sie als einzige schwarze Haare und rosa-farbene Augen, als kleines Mädchen hat sie zudem eine Hand verloren, als sie von Kritzlern – fischartigen Monstern – attackiert wurde. Eine Behinderung, die sie für diese Welt zu einer Last macht. Sie hat dadurch ein geringes Selbstbewusstsein und findet sich selbst hässlich und nutzlos, wächst aber im Laufe der Geschichte über sich hinaus. Denn eine Eigenschaft zeichnet sie besonders aus: Trotz alle Schikanen, die sie durchstehen muss, hat sie sich das Mitgefühl bewahrt. Das verdankt sie vor allem ihrem Vater Buck, der ihr von der alten Zeit erzählt hat und ihr lesen und schreiben beibrachte, so dass sie die letzten beiden Zeugnisse dieser Welt verstehen konnte: ein Märchenbuch und die Tagebücher ihrer Vorfahren. So ist sie die letzte, die noch weiß, was Liebe ist oder jemanden zu küssen. Zumindest glaubt sie, die Einzige zu sein.

Seit Coe sich erinnern kann, ist sie in Tiam verliebt, der auf der Plattform neben ihr steht und als eine Art Klassenclown immer wieder versucht, die betrübte Stimmung auf der Insel aufzumuntern.

Die Liebesgeschichte zwischen Tiam und Coe steht aus verschiedenen Gründen unter keinem guten Stern. Es ist schwer sich jemanden in einer Welt anzunähern in der es keine Liebe mehr gibt. Und da Coe sehr geringes Selbstwertgefühl hat, kann sie sich nicht vorstellen, dass Tiam ausgerechnet sie haben wollen könnte. Vor allem gibt es auch bildhübsche Konkurrenz.
Das sind Klischees, die einem in Liebesromanen gerade für junges Publikum häufig begegnen und mich sehr oft furchtbar stört. Gerade weil die Hauptfigur in den meisten Fällen einfach eine Schönheit ist, was alle sehen, außer sie selbst. Bei Coe konnte es mich jedoch überzeugen, da sie zwar im Endeffekt auch hübsch ist, aber durch ihre Außenseiterrolle und ihre Behinderung ist es verständlich, dass sie das nicht so sehen kann.
Und was die Konkurrenz angeht … nun ja, in Anbetracht, wie nervtötend ich Star fand, schwer vorstellbar, dass sie ernsthafte Konkurrenz ist. Aber da sie die Prinzessin der Insel ist und gleichzeitig sehr schön, wo Coe sich schon immer hässlich gefühlt hat, ist es auch nachvollziehbar, dass sie auf den Gedanken kommt, Tiam könnte Star ihr vorziehen.

Wo ich schon Star angesprochen habe, möchte ich hier gleich auf die Nebenfiguren zu sprechen kommen. In einer Welt, in der die Hauptfigur nicht weiß, wie es ist, jemandem zu vertrauen, ist es schwierig abzuschätzen, inwieweit sie mit ihren Einschätzungen der Charaktere richtig liegt und das hat sie in gewisser Weise zu einem unzuverlässigen Erzähler gemacht.

Tiam war mir anfangs sehr sympathisch, legte aber auch hin und wieder ein eher arrogantes Verhalten an den Tag und dann wurde ich lange Zeit nicht mehr wirklich schlau aus ihm. Dass er sich auch so schwer tat, mit Coe einfach Klartext zu reden, selbst als die Situation brenzlig wurde, machte es für mich noch schwieriger, ihn einzuschätzen. Und Rückblickend machte es auch wenig Sinn, da es ab einem bestimmten Punkt keinen realistischen Grund mehr gab, Coe die Wahrheit vorzuenthalten – außer um künstlich Konflikte aufzubauen.

Die eben erwähnte Star fand ich irgendwann einfach nur noch nervig – viel zu arrogant und weltfremd behandelte sie Coe und alle anderen von oben herab. Immer, wenn sie auftauchte, konnte ich nur mit Coe über ihr Verhalten die Augen rollen. Von den Nebenfiguren war mit Fern am sympathischsten, das jüngste Mädchen auf der Insel, das ein bisschen wie eine kleine Schwester für Coe ist und bei der ich ausnahmsweise einmal nicht andauernd die Motivation und widersprüchliches Verhalten hinterfragen musste. Zwar löste sich das bei den anderen zum Ende auch einigermaßen auf, warum sie so handelten wie sie handelten, aber frustrierend war es manchmal dennoch.

Die Haupthandlung der Geschichte beginnt erst spannend, als die Welt eingeführt wird, dann verläuft es sich aber hin und wieder, da auch die Flut ein zielstrebiges Handeln einschränkte – gleichzeitig ist die Flut aber auch ein Element, dass zu hochgradig spannenden Szenen führen kann. Dennoch zog sich der Mittelteil ein bisschen. Aber gegen Ende, wenn sich langsam die Rätsel entwirren und die Situation drängender wird, legt es noch einmal sehr an Spannung zu und kann einige überraschende Wendungen bieten.

Als ich das Buch gelesen habe, ging ich aus irgendeinem Grund von einem Einzelband aus, sodass mich das Ende erst sehr enttäuscht hatte – aber da es sich doch um einen Reihenauftakt handelt, tröstet das ein bisschen darüber hinweg und erklärt, warum es viele offene Fragen gab und unabgeschlossene Handlungsstränge. Wäre das wirklich das Ende, dann wären es zu viele gewesen, aber so bin ich gespannt auf die Fortsetzung.

Fazit

Coe war eine sehr sympathische Hauptfigur, mit der ich gerade zu Beginn sehr mitgefiebert habe. Leider hatte das Buch aber einige Längen in der Mitte, einige unlogischen Stellen im Weltenbau und die Nebencharaktere hätten besser ausgearbeitet sein können. Aber die Grundidee war sehr spannend, der Schreibstil überzeigend und die Erzählung konnte mich zu Beginn und Ende sehr fesseln. Aber leider nicht ausreichend dazwischen.

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