„Chlorofilija“ von Andrej Rubanov

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Chlorofilija (OT: Хлорофилия) | 432 S. | Science Fiction | Heyne | ISBN 978-3-453-31556-3

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Klappentext

Russland im 22. Jahrhundert: Weite Teile des Landes wurden von China aufgekauft, und Moskau ist zu einer gigantischen Megalopolis angeschwollen, in der fast alle Russen leben. Hedonismus ist das oberste Gebot, und am besten erreicht man den absoluten Glückszustand durch das nahrhafte und berauschende Fruchtfleisch bestimmter Halme, die jeden Zentimeter der Stadt überwuchern. Hier lebt auch der Journalist Saweli Herz, der eines Tages im Zusammenhang mit den Halmen auf ein Geheimnis stößt, das die Menschheit für immer verändern könnte …

Wie es mir gefallen hat

Rubanov hat in „Chlorofilija“ eine durchaus innovative und interessante Zukunftsvision geschaffen, in der die Russen nicht mehr arbeiten müssen, sondern von dem Geld leben, mit dem China Sibirien gepachtet hat. Die Menschen leben in den Tag hinein und gehen nur einer Arbeit nach, wenn sie in die obersten Etagen der Gebäude ziehen wollen – die einzigen Etagen, in die noch Sonnenlicht dringt. Denn die seltsamen Halme, die quasi über Nacht in Moskau hunderte Meter in die Höhe geschossen sind und ebenso schnell nachwachsen, überschatten im wahrsten Sinne des Wortes die gesamte Stadt. Auch der Journalist Saweli strebt den obersten Etagen und damit der Sonne entgegen – bis er von dem Geheimnis der Halme Wind bekommt.

Mit der Hauptfigur Saweli wurde ich das ganze Buch über nicht warm. Ich habe oft eine Schwäche für Charaktere, die auf den ersten Blick arrogante Arschlöcher sind, bei denen sich dann aber nach und nach ein weicher Kern findet – aber irgendwie blieb Saweli auch noch auf den zweiten und dritten Blick ein arrogantes, überhebliches, weinerliches Arschloch und nicht mehr. Vielleicht war das auch so gewollt, da es eine Folge der hedonistischen Lebensweise war und diese vielleicht weiter illustrieren wollte, aber bei mir hat es leider gar nicht funktioniert. Ich habe die ganze Zeit darauf gehofft, dass eine charakterliche Entwicklung bei ihm einsetzt, aber (abgesehen von den letzten paar Seiten) blieb er im Großen und Ganzen der gleiche Unsympath.
Aber schlimmer noch: Saweli war eine furchtbar antriebslose Hauptfigur ohne Biss, die kaum etwas tat, was die Handlung vorangetrieben hätte, sondern eher ein Beobachter der Lage war, der auf Ereignisse nur reagierte. Wenn er etwas unternahm, dann meist um seine eigene Haut zu retten. Die meisten Figuren in seiner Umgebung – besonders seine Verlobte Warwara, seine Freunde Harry und Goscha, sein Chef Puschkow-Rylzew und der Arzt Smirnow – fand ich um einiges interessanter, aber ihnen wurde dann doch zu wenig Raum gegeben, um sich zu entwickeln.
Das Saweli dann auch noch anderen gegenüber herablassend war, sexistische Anwandlungen an den Tag legte und in der Art, wie er im ersten Teil die „Grasfresser“ verabscheute, furchtbar heuchlerisch war, machte es nicht besser.

Der Roman war in drei Teile aufgeteilt, zwischen denen immer mehrmonatige Zeitsprünge stattfanden, die selbst jedoch nur vergleichsweise kurze Zeiträume von wenigen Tagen überspannten – und immer hatte ich das Gefühl, dass genau die Sachen übersprungen wurden, die mich am meisten interessiert hätten. Jeder Teil endete damit, dass Saweli einer wichtigen Entscheidung gegenüberstand und etwas in seinem Leben sich grundlegend verändert hatte. Und der nächste Teil setzte dann Monate später ein und stellte mich vor vollendete Tatsachen. Anstatt dass ich mich mit Saweli gemeinsam durch neues Terrain kämpfen durfte, kam ich erst wieder dazu, als alles wieder in geregelten Bahnen verlief und habe immer nur indirekt mitbekommen, wie er mit der Situation umgegangen ist und was in der Zwischenzeit passiert war.
Das fand ich sehr schade, denn zeitweise habe ich mich durch das Buch gekämpft, mit der Hoffnung, dass noch mehr passieren würde und ein paar der angedeuteten Ereignisse eintreten würden – aber die für mich interessanten Dinge fanden meist zwischen den Teilen statt und wurden kaum aufgegriffen oder erklärt. Es gab einige überraschende Wendungen, die durchaus Potential hatten – aber auch die wurden meistens nicht weit genug verfolgt. Viele aufgeworfenen Fragen blieben auch zum Ende hin unbeantwortet, was ein sehr unbefriedigtes Gefühl bei mir zurück ließ.

Etwas Schwierigkeiten hatte ich auch mit den Namen. Zeitweise war ich mir nicht mehr sicher, wer gemeint war, da der Erzähler gerne mal die gleiche Person mit Vorname, Nachnamen, Spitznamen oder Berufsbezeichnung bezeichnete. Dass dann noch mehrere Namen mit P, W oder G anfingen machte es nicht viel einfacher, sich zwischen den vielen Charakteren zurecht zu finden. Aber ansonsten hat mir der Stil gut gefallen und ließ sich sehr gut runterlesen.

Fazit

„Chlorofilija“ konnte mich leider nicht überzeugen. Saweli war mir das ganze Buch über zu antriebslos und unsympathisch, es kam nicht recht Spannung auf und zum Ende blieben für meinen Geschmack viel zu viele Fragen offen. Einzig der Stil gefiel mir recht gut und auch die ungewöhnliche Zukunftsvision, die darin liegende Gesellschaftskritik und ihre Ausarbeitung haben mir sehr gefallen.

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